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Vom Wäscheplatz in Schönebeck ins Berliner Olympiastadion-Caroline Kunschke beim WM-Eröffnungsspiel

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Am Sonntag beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland. Am Eröffnungsspiel Deutschland gegen Kanada teilhaben wird Caroline Kunschke. Die Magdeburgerin wird nicht in den Zuschauerrängen sitzen, sondern direkt am Spielfeldrand. Die 29-Jährige ist verantwortlich dafür, dass die Fahnen- und Escortkinder ihre Aufgabe richtig gut machen.

Foto und Bericht von Anja Kessler; Quelle www.volksstimme.de

Magdeburg. Spielend leicht – im wahrsten Sinne des Wortes – lässt Caroline Kunschke den Ball auf dem Fuß wippen. Von einem Knie zum anderen springt das Rund. Auf dem Zeigefinger dreht das Leder seine Pirouetten. Die junge Frau beherrscht ihr Spiel. Seit 16 Jahren ist Fußball ihr Leben. Jeder Muskel, jeder Atemzug, jeder Gedanke gilt dem Spiel, das 90 Minuten dauert, bei dem sich 22 Mann gegenüberstehen und das Runde ins Eckige muss. 22 Mann? Nein, bei Caroline Kunschke steht der Frauenfußball im Vordergrund. Und das nicht zuletzt weil sie die Referentin für Mädchen- und Schulfußball in Sachsen-Anhalt ist.

Diese Stelle im Landesfußballverband wurde eingerichtet, nachdem der DFB nach der Weltmeisterschaft 2006 Geld ausgab, um sich stärker dem Mädchenfußball und der Nachwuchssuche an Schulen zu widmen. "Ich schrieb damals gerade an meiner Magisterarbeit, als das Angebot kam", erinnert sich Caroline Kunschke. Mit ihrem Sport- und Pädagogikstudium hatte sie die besten Voraussetzungen. Entscheidend war sicher auch ihre Karriere als Fußballerin. "Ich hab mit links gespielt, da durfte ich bleiben"

"Als junges Mädchen kickte ich mit meinen Freunden auf dem Wäscheplatz", erinnert sich die heute 29-Jährige. "Ich war das einzige Mädchen, aber ich hab als einzige mit links gespielt. Da durfte ich bleiben." Im Verein spielte sie aber Tennis. "Der Ausflug dauerte nicht lang. Es hat mich angeödet, als einziges Mädchen von einer eigenen Trainerin unterrichtet zu werden." Mannschaftssport lag ihr mehr. In der fünften Klasse, damals noch in Schönebeck, begann der Handballunterricht.

Das war es zunächst. Die SG Lok Schönebeck baute zu dem Zeitpunkt eine Handballmannschaft auf. "Bei der Auswahl wurde ich genommen." Spielerisch war sie geeignet, doch leider zu klein. Und dann trat der Fußball in ihr Leben. "Mit den Jungs auf dem Wä-scheplatz hab ich Straßenfußball gespielt, im Handballverein war Fußball die Aufwärmung." Irgendwann machte die Vorbereitung mehr Spaß als das Training selbst.

Caroline wechselte in Biere, wo die Familie inzwischen lebte, in eine Frauen-Fußballmannschaft, die zu dieser Zeit in der gesamten Region gegründet wurden. Drei Jahre spielte sie parallel Hand- und Fußball.

Auf einem Turnier in Altenweddingen wurde die junge Fußballerin 1997 entdeckt: "Eigentlich gab es damals keine Vereinswechsel, wenn man sich nicht irgendwie mit seinen Mitspielerinnen verstritten hatte. Nach Leistung hat bei uns eigentlich keiner gestrebt." Aber der FSV Magdeburg-Wolmirstedt spielte eine Klasse höher und dort Großfeld. Bisher war Caroline nur Kleinfeld gewohnt. Sie nahm die Herausforderung an. Mit 15 Jahren spielte sie zunächst in der 2. Mannschaft, noch im selben Jahr in der Regionalliga Nord-Ost mit der ersten Mannschaft. Damit war sie die jüngste Spielerin in der Liga und wurde schon nach vier Wochen Hallenlandesmeisterin. Zu ihrer heutigen Arbeit gehört es unter anderem, genau dieses Turnier zu organisieren.

"Frauenfußball muss um Sponsoren kämpfen"

In einem Jahr spielte sie in den Landesauswahlen U16, U18 und U20. "Ich hatte die technischen Grundfertigkeiten, aber eine große Spielerin bin ich nicht gewesen", sagt sie im Rückblick. Wegen der Schule wechselte Caroline Kunschke erst zum Schönebecker SV und wieder zum FSV Biere. Später spielte sie für den SV Altenweddingen in der Frauenverbandsliga als Stürmerin. In 20 Spielen schoss sie 26 Tore, wechselte wieder in die Regionalliga, der spielerische Erfolg brach nicht ab. "Mit Mitte 20 war ich auf dem Höhepunkt", sagt sie. Und sie traf Elfie Wutke. "Das war eine überragende Mitspielerin." Und jetzt eine Freundin, die sie als Vizepräsidentin des Landesfußballverbandes in die Referentinnenstelle warb. Seit 2000 arbeitet Caroline Kunschke auch als Trainerin. Inzwischen ist sie im vierten Jahr Trainerin der U-13-Landesauswahl der Mädchen. "Gewachsene Strukturen gibt es im Mädchen-Fußball nicht." In Sachsen-Anhalt spielen 15 Mannschaften in der D-, C- und E-Jugend. Deren Spielbetrieb wird vom Landesverband organisiert. "Im Land gibt es viel mehr Mannschaften. Aber viele spielen lieber in den Jungsligen, weil die Anfahrtswege da nicht so lang sind und die Kosten damit niedriger", erklärt Referentin Kunschke.

Für ihren Job und die ehrenamtliche Arbeit als Trainerin stellte die junge Frau ihren aktiven Sport zurück. Trotzdem hilft sie noch in der 1. Mannschaft ihres jetzigen Vereins – dem Magdeburger Frauenfußballclub aus – in der zweiten Bundesliga. Ein Erfolg, den keine andere sachsen-anhaltische Fußballmannschaft vorweisen kann. "Und trotzdem müssen wir um die Sponsoren kämpfen", sagt Caroline Kunschke. "Fußball ist immer noch vor allem eine Männersache. Und das, obwohl die Mädchen von heute viel selbstbewusster sind." Es fehlen die Strukturen, reine Mädchen-Vereine, die geschützten Raum bieten, und vor allem die Zuschauer. Darum glaubt Caroline Kunschke auch nicht an einen positiven Effekt der Frauen-Fußball-WM. "Das wird eine tolle Veranstaltung, aber eine Langzeitwirkung wird es nicht geben."

"Langzeitwirkung wird die Frauen-WM nicht haben"

Trotzdem wird sie Teil des Ganzen sein. Als Volunteer. Also eine von 400 freiwilligen Helfern, die kein Geld für ihre Arbeit bekommen. "Geld will ich gar nicht und einfach nur zuschauen auch nicht. Ich will arbeiten." Von ihrer Kollegin aus Berlin wurde sie gefragt, ob sie Lust hätte, beim Eröffnungsspiel am Sonntag in Berlin beim "Youth program" mitzuhelfen. "Wir organisieren die Ballmädchen, die Escortkinder und die Fahnenträgerinnen. Wir proben mit ihnen, helfen bei den Klamotten." Die etwa 100 Mädchen kommen allesamt aus Berlin. Heute reist Caroline in Berlin an, morgen ist der erste Probentag. Am Sonntagabend ist das Spiel. Caroline wird am Spielfeldrand im Olympiastadion stehen und nach ihren jungen Schützlingen schauen.

Und am 10. Juli wird die Referentin 16 Mädchen und Jungen aus Sachsen-Anhalt nach Dresden begleiten. "Unser Landesverband stellt die Einlaufeskorte beim Viertelfinalspiel. Wenn wir viel Glück haben, ist eine der Mannschaften Brasilien als erste der Gruppe D." Und der Tipp fürs Finale? "Deutschland hat harte Konkurrenz von Brasilien. Aber auch die Asiatinnen sind gut und undurchschaubar. Und auch die USA und England sollte man nicht unterschätzen."